In Gedenken an meine Fanfarella, meinen Schatten, meinen Augenstern

Heute vor einer Woche hast du deinen letzten Atemzug gemacht. Ich weiß leider nicht genau wann, ob es noch auf meinem Schoß im Vorzimmer war, auf der Straße während ich verzweifelt auf das Taxi gewartet habe oder auf der Fahrt zur Tierklinik. Es war ein schlimmer Tod für dich, den du nicht verdient hast, den kein Hund verdient hat und es tut mir so unendlich leid, dass ich in diesem Moment nicht auf dich aufgepasst habe, dich nicht retten konnte, obwohl ich es versucht habe, geschrien, gekämpft und viel zu spät auch um mich geschlagen habe.

Du bist so vergnügt vom Spaziergang mit deiner großen Schwester nach Hause gekommen, hattest wahrscheinlich schon großen Durst und freutest dich auf dein Leckerli, das du nach jedem großen Spaziergang bekommen hast. Wir sind gemeinsam mit einer unbekannten Frau in unseren Lift gestiegen und hast sie, so wie jeden Fremden, mit deiner zauberhaften Art begeistert. Die Lifttüre öffnete sich einen Stock früher als sonst und du warst schon voller Vorfreude auf dein Zuhause, sprangst übermütig aus dem Lift und schnüffelstes zwei Sekunden lang auf der fremden Türmatte. Da realisiertest du bereits, dass wir noch nicht angekommen waren und ich rief dich wieder in den Lift. Ich wollte dir den Moment nicht nehmen, selbst herauszufinden, dass wir noch nicht angekommen sind. Aber dazu kam es leider nicht mehr.

Die gegenüberliegende Wohnungstüre öffnete sich und der weiße Pitbull-Mischling schoss wie eine Waffe auf sie zu, knallte gegen die Wand, biss sofort in ihren Nacken und verkeilte sich in ihrem kleinen Körper. Sie schrie und wehrte sich, aber das war alles zwecklos. Überall war ihr Blut und ich stürzte mich auf dieses Tier, das einzig und alleine töten wollte. Sie sah mich erschrocken an, als verstünde sie nicht so recht, was das hier soll und ich solle sie doch retten, so wie ich immer auf sie aufgepasst und sie beschützt hatte. Mit aller Gewalt griff ich in das Maul und bettelte und schrie, ich wollte es aufreißen, ich rang mit ihm, wälzte mich mit ihm am Boden, schrie verzweifelt um Hilfe, damit er von meiner Kleinen ablässt. Die Hundehalterin versucht auch ihr bestes, aber auch sie war machtlos. Stattdessen schnappte er nochmals zu, biss auf meine Finger. Der körperliche Schmerz weckt mich auf und ich realisierte dass ich nur eine Chance habe, wenn ich den Hund schlage. Also drosch ich auf den Hund ein, bis er meine verblutende Kleine kurz ausließ. Ich hob sie hoch und rannte in meine Wohnung einen Stock höher. Ein Bursche versucht mich zu beruhigen und wollte helfen, aber ich wollte nur noch eines: Fanfarella das Leben retten. Ich presste meine Finger auf den aufgerissen Hals, wo ihr kurzes Leben mit jedem Herzschlag mehr und mehr entwich. Auf dem Boden in meinem Vorzimmer zusammengesackt, die sterbende Fanfarella im Schoß meines blutigen Kleides gebettet, wählte ich den Notruf, die mir nur die Nummer der Tierrettung geben konnte. Die Tierrettung hatte keinen Wagen frei, nur einen ohne Arzt. Sie fragen ob ich den auch haben wolle. Wofür einen Rettungwagen ohne Arzt? Ich solle ein Taxi rufen und in die nächste Tierklinik fahren. In welche? In welche? Helfen Sie mir, wohin soll ich fahren, mein Hund stirbt hier! Die fremde Frau vom Aufzug rief mir ein Taxi, reichte mir ein Taschentuch, das ich auf die klaffende Wunde von Fanfarella pressen solle. Ich rannte panisch auf die Straße, bettelte um ihr Leben und konnte es immer noch nicht glauben, dass das jetzt passiert.  Die Menschen um mich herum, gingen an mir vorbei, sahen mich mit meinem sterbenden Hund in den Armen, komplett mit dem Blut meiner Kleinen übersäht und in Tränen aufgelöst. Niemand blieb stehen. Alle Autos fuhren an mir vorbei.

Ich glaube genau da, an der Straßenecke, während ich hysterisch auf Hilfe wartete, ich nur noch darum bettelte, dass es nicht so enden darf, nicht so, bitte nicht so, da starb Fanfarella. Ich werde mir das nie verzeihen, dass ich den Tatsachen nicht ins Auge blicken konnte, dass mein Hund sterben wird. Dass ich sie nicht mehr retten könne und niemand anderes auch nicht. Dass ich ihr nicht die Ruhe gegeben habe, zumindestens zum Sterben. Ich konnte ihr nicht nur nicht helfen, als sie mich so verzweifelt angesehen hat, scheinbar um Hilfe bittend, im Maul dieses hässlichen Monsters, sondern ich konnte ihr auch nicht die Ruhe geben danach. Es war alles so falsch. Alles so falsch, alles war so gar nicht real. Das kann es ja jetzt wohl nicht gewesen sein. Nicht so, nicht jetzt, aber auf keinen Fall bitte so.

Erst 5 Minuten später saß ich im Taxi und 10 Minuten später waren wir in der Tierklinik Breitensee. Uns wurde sofort ein Behandlungsraum freigeräumt und die Ärztin hat gleich erkannt, dass ich mit einem bereits toten Hund angekommen bin. Der andere Hund hat ihr die Hauptschlagader aufgerissen und sie ist in meinen Armen verblutet.

Ich hatte es geahnt, ich wollte es aber nicht wahrhaben dass du tatsächlich nicht mehr da bist. Dass du so sterben musstest. So grausam, das ist einfach so falsch. Ich schrie meinen ganzen Schmerz nach draußen, dass du so sterben musstest, und auch jetzt bin ich hauptsächlich deshalb so bitterlich traurig, dass du so sterben musstest. Du gehst mir ab, aber in erster Linie schmerzt es so, dass du solche Schmerzen hattest und ich dich nicht davor beschützt habe. Du warst so ein fröhlicher Hund, du hast so viel Liebe gegeben, hast mir immer vertraut, wolltest immer wissen, ob das eh in Ordnung ist, was du jetzt tust, hast auf meine Ermunterung gewartet. Ich war für dich verantwortlich, schon nach wenigen Tagen warst du mein kleiner Schatten und bist mir auf Schritt und Tritt gefolgt, du warst das unbeschriebene Blatt, dein Leben lag die ganze Zeit über in meinen Händen und ich werde mich immer fragen, ob es denn genauso ausgegangen wäre, wenn wir noch die kleine Runde zurück mit deiner Schwester Coco spaziert wären. Wäre es nie passiert? Wäre es nächste Woche passiert? Du bist so oft das Stiegenhaus frei nach oben gelaufen, wir haben dich manchmal gefoppt und kurz alleine im Stiegenhaus stehen lassen, wenn du etwas zu lange getrödelt hast. Es hätte auch früher passieren können, ich weiß, aber ich war mir NIE der Gefahr bewusst, die ich dich jedes Mal ausgesetzt hatte. Ich hätte NIE gedacht, dass diese Bestie dich töten wollte, ich dachte immer, dass er einfach etwas stürmischer sei. Wenn ich daran denke, dass er zu mir oft hochgesprungen ist, wenn ich dich schützend in den Armen hielt, dann wird mir ganz übel.

In der Klinik war die Ärztin so nett und gab mir eine Decke, in die ich dich einhüllte, deine Wunden verdeckte. Ich rief Andreas an, damit auch er sich verabschieden kann und er dich so zauberhaft in Erinnerung behalten kann, wie du war. Ich hob dich noch ein letztes Mal hoch und merkte, dass das gar nicht mehr du warst. Dass du schon weg warst und alles was dich ausmachte, bereits wo anders war. Ich drückte dich noch ein letztes Mal an mich, küsste deine kleine Nase, versuchte vergeblich deine trüben Augen zu schließen. Ein letzte Mal vergrub ich meine Nase in dein weiches Fell, das gar nicht mehr nach dir roch, streichelte über deine Pfoten und die weiße Spitze deines Schwanzes und musste dich dann für immer alleine lassen. Aber ich weiß immer noch wie es sich anfühlt, so als wärst du noch hier, wenn ich über dein Köpfchen streichle, deinen Bauch kraule und dich ganz fest an meine Brust drücke, meine Hände haben sich gemerkt, wie sich deine Muskeln anfühlen, wenn ich über deine Beine und deinen Rücken streiche, meine Nase erinnert sich an deinen Geruch und ich weiß noch ganz genau, wie du mich immer angesehen hast, wie deine Augen strahlten, wenn wir spielten, wie deine Ohren sich bewegten, wenn wir spazieren waren und wie sprunghaft du mit anderen Hunden gespielt hast.

Bis heute haben sich die Blutreste von dir in meinem Nagelbett hartnäckig gehalten, jetzt sind die letzten abgefallen. Ich habe sie nicht selbst gesäubert, ich habe es passieren lassen. Als wolle ich noch etwas von dir bei mir haben, und wenn es nur dein Blut ist. Bitte sagt jetzt nicht, dass sie ja so ein schönes Leben hatte und jetzt an einem besseren oder zumindest schönen Ort ist. Sie könnte noch leben. Sie war an einem schönen Ort. Es hat sie nicht das Alter oder eine Krankheit dahingerafft. 1 Minute hätte einen Unterschied gemacht. Eine einzige Minute später oder früher und sie könnte noch da sein. Ich hätte 1 Minute schneller gehen können oder langsamer. Ich könnte sie noch riechen und berühren und sie könnte noch glücklich sein, ganz ohne Wissen, dass es da draußen etwas gibt, das für sie gefährlich sein könnte, weil ich da bin, die sie beschützt.


Ich möchte nicht und kann es nicht akzeptieren, dass dieser Mord vollkommen umsonst gewesen ist. Deshalb appelliere ich an alle HundehalterInnen da draußen: Seid ehrlich zu euch selbst und wenn ihr merkt, dass ihr mit eurem Tier überfordert seid, so holt euch Hilfe! Sucht euch bewusst Rassen aus, mit denen ihr umgehen könnt und erzieht eure Hunde mit Liebe, Wissen und Geduld und nicht mit Gewalt. Und wenn ihr es gar nicht auf die Reihe bekommt, dann verpasst eurem Hund einen Beisskorb und zwar rund um die Uhr. Denn selbst wenn er in der Wohnung ist, kann er euch entwischen und vielleicht ist es dann ein Kleinkind. Und passt auf eure Hunde auf, hört auf euer Bauchgefühl und beschützt sie, denn sie vertrauen auf euch. 

Fanfarella fällt lediglich unter Sachbeschädigung und es wird keine Konsequenzen geben, außer dass überprüft wird, ob die Halterin einen Hundeführerschein hat und die Haltung korrekt ist, eventuell erhält er eine Beisskorbpflicht, aber die Anzeige ist noch am Laufen. Aber keine Anzeige bringt mir meine Kleine zurück, deshalb muss dafür gesorgt werden, dass dieser Hund nie wieder eine Gefahr für andere ist und die Halterin den Ernst erkennt, sich Hilfe bei der Erziehung holt und ihm rund um die Uhr einen Beisskorb anlegt.

Und ein Appell an generell alle: Wenn ihr jemanden kennt, der mit seinem Hund überfordert ist, bei dem ihr das Gefühl habt, dass dieser gefährlich ist, dann wartet nicht ab, sondern informiert die Polizei. Ich hatte immer dieses Gefühl, wollte aber nicht so „spießig“ sein und der Hundehalterin ein Bein stellen, weil sie ganz offensichtlich schon viel in ihrem Leben durchgemacht hat und es scheint, dass sie gerade dabei ist, es wieder auf die Reihe zu bekommen. Im Nachhinein muss man sich die Frage stellen, was sie dem Tier angetan hat, dass es so geworden ist. Denn als sie ihn erst wenige Wochen hatte, war er so ein verschmuster lieber Hund, er saß auf meinem Schoß und leckte mein Gesicht ab, war ganz gierig auf Streicheleinheiten. Meldet das, ihr rettet damit vielleicht ein Leben, ein Hundeleben oder ein Menschenleben. Ich hätte das viel eher melden sollen und diesen Vorwurf werde ich mir ein Leben lang machen. Begeht nicht den gleichen Fehler wie ich.