Ich schenke dir, nicht nach deiner Familienplanung zu fragen

Mein Geschenk an dich ist, nicht nach deiner Familienplanung zu fragen / https://www.fanfarella.at/ich-schenke-dir-nicht-nach-deiner-familienplanung-zu-fragen
Wie der aufmerksame Leser unter euch höchstwahrscheinlich bemerkt hat, bin ich nun verheiratet. Das weiße Kleid hängt nicht mehr ganz so weiß im Kleidersack, der Schleier hat es immer noch nicht in eine hübsche Box geschafft, der Bridal Body ist einer Egal-das-ess-ich-auch-noch-weil-ins-Brautkleid-muss-ich-ja-jetzt-nicht-mehr-passen gewichen und die Dankeskarten sind gedruckt und warten endlich verschickt zu werden. Aber sonst ist eigentlich alles beim Alten geblieben. Also was meine Beziehung angeht. Einzig dass plötzlich viele Frauen ein brennendes Interesse an unserer Familienplanung haben. Selbst meine Nagelpflegerin hat mich danach gefragt. Ok, seit meinem letzten Besuch duzen wir uns und ich habe ihr ein paar Steuertipps gegeben, aber war das die unsichtbare Linie, die wir überschritten haben, auf die ein „Wann wollt ihr denn eigentlich Kinder haben?“ folgt?

In meinem Freundeskreis betrachten wir uns eigentlich als fortschrittlich und gleichberechtigt, wir Frauen kämpfen für gleichen Lohn, gleiche Chancen und mindestens gleich viel Bügelwäsche wie der Mann, aber wenn es darum geht Kinder zu gebären, sind plötzlich die meisten wieder mindestens 50 Jahre zurückversetzt. Denn sobald man verheiratet ist, geht man offenbar davon aus, dass dann mal bald Kinder kommen werden. Und wohl gemerkt Mehrzahl. Niemand fragt, wann man denn plane ein Kind zu bekommen, sondern immer, wann man denn plane Kinder zu bekommen. Jedenfalls scheint es mir so, dass dies die Logik ist. Und ich werde das immer von Frauen gefragt. Noch nie hat mich ein Mann nach meiner Familienplanung gefragt. Seit es mich aber selbst betrifft, habe ich dazugelernt, denn auch ich habe früher solche Sager vom Stapel gelassen. Sorry dafür. Ich bin nun dazu übergegangen nicht mehr von vornherein zu sagen „Ja wenn ihr dann mal Kinder habt, dann…“ sondern ein vorsichtiges „Wollt ihr denn überhaupt Kinder bekommen?“ voranzuschieben. Also vorausgesetzt, das Gesprächsthema erfordert dies, wie beispielsweise letztens, als es um die Wohnungsgröße einer gesuchten Wohnung ging. Vielleicht wollen sie ja die zwei übrigens Zimmer ihrer 4-Zimmerwohnung als Ausstellungsraum ihrer Bierdeckelsammlung und Sandburgen-Übungsraum nutzen? Wer weiß das schon? Muss ja nicht jeder ein Arbeitszimmer und Kinderzimmer daraus machen wollen. Muss ja auch nicht jedes Paar einen Kinderwunsch haben. Ich finde es toll, dass man da auch anderer Meinung sein kann! Genauso wie ich es toll finde, dass es nicht schlimm ist ein Leben lang in „wilder Ehe“ zu leben und dass Frauen ihre Sexualität mittlerweile freier ausleben können, ohne gleich als Schlampe abgestempelt zu werden.

Aber spricht man mich auf Familienplanung an, dann kriecht in mir so eine mittelkleine Panik hoch, als würde eine Uhr über meinen Eierstöcken ticken: Tick, wenn dann jetzt, tack, aber jetzt will ich doch noch voll arbeiten, tick, aber ich hab noch so viel Zeit, tack, nö eigentlich gar nicht, tick, vielleicht bin ich ja auch gar nicht für die Mutterschaft gemacht, tack, aber warte nur bis es dann soweit ist, tick, ich will gar nicht dass es soweit ist, tack, aber Kinder bekommen ist so natürlich, das gehört dazu, tick, wer sagt dass das dazu gehört, etwa die Gesellschaft vielleicht, tack, so viele Frauen schaffen alles zusammen, tick, bekomme ich danach überhaupt noch einen spannenden Job oder bin ich dann Teilzeit-Sekräterin wie vor 10 Jahren, tack, oh no ich bin so eine schlechte Sekretärin, tick, tack, tick, tack. Oder mache ich mir einfach schon wieder zu viele Gedanken über etwas, was noch gar nicht ist und ich ganz falsch einschätze? Springe ich gerade auf diesen Zug auf, der aus Kinderkriegen ein perfekt organisiertes Langzeitprojekt macht und es nicht einfach passieren lässt? Übertreibe ich? Glaube ich nicht ausreichend an mich? Oder nervt es mich einfach, dass ich sofort in eine Schublade gesteckt werde, seit ich verheiratet bin? Die Schublade, um die alle rundherum stehen und Wetten abschließen, wann ich denn endlich werfe. Als ob das das ganz logische nächste Ziel ist nach einer Hochzeit. Eigentlich habe ich aus Liebe geheiratet und nicht um direkt darauf eine Familie zu gründen, das würde ja auch ganz gut ohne Trauschein klappen.

Ich denke eigentlich nicht, dass ich übertreibe. Denn einer Freundin, die doch eine zeitlang auf Jobsuche war, hat man beim Arbeitsmarktcenter beinhart ins Gesicht gesagt bekommen, dass man mit Anfang 30 und frisch verheiratet, sehr schlechte Karten hat. Ob das besser wird, wenn man Mitte 30 ist und bereits ein Kind hat? Momentan arbeite ich ja noch selbstständig, aber wer weiß was das Leben noch so auf Lager hat.
Aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich mich insbesondere gegen diese Schublade wehren möchte. Ich lasse mich nicht gerne in Schubladen stecken, auch wenn ich es nicht verhindern kann, aber wenn es so ungefiltert passiert, dann finde ich das nicht so nett.

Meine oft zitierte Großmutter legte mir übrigens kürzlich ans Herz, keine Kinder zu bekommen. Sie habe mich mit Andreas beobachtet und wir gehen so liebevoll miteinander um, das sollen wir uns von Kindern nicht zerstören. Naja, nicht so nett wenn man bedenkt, dass es ja dann mich auch nicht geben würde, wenn sie diese Meinung schon früher gehabt hätte, aber zum Nachdenken bringt es einem ja doch. Und dann war da noch diese ganze Diskussion über #regrettingmotherhood.

Jedenfalls vergeht kaum ein Tag in Gesellschaft, an dem das Thema Kinderkriegen nicht zur Rede kommt. Sei es mit Freundinnen, die gerade Kinder bekommen haben, Freundinnen, die versuchen Kinder zu bekommen oder eben meine Nagelpflegerin. Bitte einfach damit aufhören und nicht mehr davon ausgehen, dass sobald man einen Ring am Finger hat, sofort Kinder folgen. Wer es sich wünscht, dem drücke ich die Daumen, dass es auch sofort klappt, aber bitte auch diese nicht immer und immer wieder danach fragen. Die Armen werden dadurch ja nur noch mehr unter Druck gesetzt! Da lobe ich mir doch meine Freundin, die mir etwas wirklich Nützliches zur Hochzeit geschenkt hat: Sie schenkte mir nämlich, nicht danach zu fragen, wann ich denn endlich schwanger wäre.

Foto: Sebastian Pichler