Die Dinge, die ich bereue

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Der Krapfen von gestern und auch der halbe Becher Eis, das sind die letzten Dinge, die ich bereue. Also so ein bisschen, denn ich will mir ja nicht die Erinnerung an den Genuss daran verderben, dann wären die ganzen Kalorien davon unnötig in meine Fettdepots gewandert. Aber wer braucht schon Fettdepots unterm Kinn? Jedenfalls, diese kleinen Dinge, die bereut doch jeder einmal.

„Bereue nichts im Leben, denn alle deine Entscheidungen haben dich zu dem Menschen gemacht, der du heute bin.“ Kennt ihr? So oder so ähnlich stehts bestimmt auf Pinterest. Stimmt eigentlich. Trotzdem könnte ich auf ein paar Erfahrungen verzichten. Mein erster Freund war ein Griff ins Klo und ich glaube nicht, dass mein Leben anders verlaufen wäre, hätte ich auf ihn verzichtet. Er behandelte mich schlecht. Ich bin mir sicher, dass er mich betrog und er war einmal kurz davor mir eine Ohrfeige zu geben, weil es ihm nicht passte, was ich sagte. Aber das schlimmste für mich war nicht die angedrohte Ohrfeige, sonder dass er mir derb das Wort verbat. Ich stieg aus seinem innig geliebten Auto und war weg.

Und dann gibts da noch diese eine Nacht mit einem Mann. Es fühlte sich falsch an, aber trotzdem zogen wir es durch. Es war nach diesen vielen netten Dates irgendwie ausständig und wir brauchten wohl diese Erfahrung, um zu wissen, dass wir einfach nicht zusammenpassen. Aber eigentlich war es unnötig. Wir wussten es schon vorher, aber wir wollten beide so unbedingt verliebt sein.

Na gut, es gab da noch eine zweite Nacht mit einem anderen Mann, die ziemlich kurios war. Eigentlich war mehr das Kennenlernen und der Weg zu seiner Kellerwohnung das schrägste überhaupt. Aber ich frage mich gerade, ob Sex ohne richtiger Penetration überhaupt Sex ist? Sagen wir mal nein, ok? Und vielleicht bereue ich es doch nicht, denn immerhin ist diese Nacht immer wieder eine lustige Anekdote unter meinen Freundinnen. Aber hier liest meine Schwiegermutter mit, deshalb sollte ich wohl mit solchen Geschichten aufhören.

Zurück zu den ernsten Dingen. Ich bereue diese eine Fahrt im Discovery Revolution im Wiener Prater. Alleine wenn ich daran denke, könnte ich nochmals im Strahl kotzen. Den Aufenthalt im marokkanischen Flohzirkus aka Hotel hätten wir uns sparen können und die Couchsurferin, bei der wir einen Nacht später schliefen, bereut wohl bis heute, dass sie uns aufgenommen hatte. Ich hätte lieber die Finger vom Blondierungsspray (gibts das überhaupt noch?) lassen sollen, das macht orangefarbene Haare und das weiß ich deshalb so genau, da zu diesem Zeitpunkt das Zeitalter der Partyfotografen begann und es Fotos davon gibt. Und dass ich nie die beiden „Mädchen“-Magazine in die Bücherei zurückgebracht habe, die mich ab meinem 12. Lebensjahr zu einer Diebin gemacht haben.

Dann gibt es Entscheidungen, von denen ich dachte, ich würde sie bereuen oder die ich wohl bereuen sollte, es aber nicht tue: Eine Essstörung als Gipfel meiner nicht vorhandenen Selbstliebe vor einigen Jahren, die verbotene Affäre mit einem vergebenen Mann, die Frage „Liebst du mich überhaupt noch?“ gestellt zu haben und eine unerwartete schmerzvolle Antwort erhalten zu haben, meine verstorbene Fanfarella immer frei laufen zu lassen, nach meinem Bachelorstudium das Masterstudium nicht abgeschlossen zu haben und während des Vormittagsschläfchens des Babys, lieber diesen Blogbeitrag geschrieben zu haben, anstatt mich anzuziehen.

Es gibt eine Jobentscheidung, die ich heute anders einschätzen würde und ich wüsste gerne, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich mich damals anders entschieden. Aber wenn alles darauf hindeutet, dass ein Weg der richtig ist, dann geh ich ihn meist auch. Vielleicht hätte ich dann noch kein Kind und deshalb musste ich ihn gehen.

Aber eigentlich gibt es nur eine Sache im Leben, die ich tatsächlich bitter bereue. Es ist so ein dunkles Kapitel in meinem Leben, dass die Freundin, die es betrifft, es nicht mehr zur Sprache kommen lassen will und sich auch gegen diesen Text ausgesprochen hat. Deshalb möchte ich auch nicht zu sehr ins Detail gehen. In der wohl schwersten Zeit ihres Lebens, war ich nicht für sie da. Ich hätte für sie da sein können, aber ich habe es nicht getan. Es gab einen Knacks in unserer Freundschaft, wir sprachen uns aus und sind heute so eng befreundet wie noch nie. Aber jedes Mal, wenn sie für mich da ist und die Welt auf den Kopf stellt, um mir zu helfen, kommt diese bittere Reue wieder hoch. Ich kann diese Entscheidung nicht ungeschehen machen und sie ist nun Teil unserer Freundschaft, die vielleicht gerade deswegen erstarkt ist. Trotzdem wünschte ich, es wäre damals anders verlaufen.

Und so muss ich einer weiteren Pinterest-Weisheit zustimmen: Denn ich bereue lieber etwas, das ich getan habe, als etwas, das ich nicht getan habe.

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