Beziehungskiste: Den hast du aber gut erzogen!

Kennt ihr das eigentlich, wenn euch euer Liebster einen Gefallen tut oder er einfach nur toll ist und dann jemand kommentiert: „Na nicht schlecht, den hast du aber gut erzogen“. Ich blicke daraufhin jedes Mal leicht dümmlich drein und frage mich, was wohl schief gelaufen ist im Leben meines Gegenübers, dass er der Überzeugung ist, mein Liebster tue das nicht freiwillig, sondern weil ich ihn mir zurechtgebogen habe. Wieso werde ich so eingeschätzt? Wieso wird Andreas so eingeschätzt? Sind wir nach außen hin kein so ein tolles, gleichberechtigtes und bedingungslos verliebtes Paar, – also das allertollste Paar überhaupt, you know – wie ich uns sehe? Ich will ja nicht abstreiten, dass Frauen ihre Männer in manchen Bereichen versuchen zu optimieren – ich sage nur Kurzarmhemden und Tischmanieren – aber sorry Leute, mein Freund liebt mich einfach so sehr, dass er das alles ganz freiwillig macht. In your face!

Er macht das so ganz ohne Furcht, dass ich ihm einen Monat Sex streiche (da schneidet man sich ja sowieso ins eigene Fleisch, das verstehe ich nicht) und das Wlan-Passwort heimlich ändere (ultimative Bestrafung in meinem Universum) oder seine Schokolade aufesse und sie danach eben nicht heimlich wieder nachkaufe. Also wenn er meine Tasche kurz hält, während wir einen Shoppingmarathon am langen Einkaufssamstag hinlegen, mit meinem Chihuahua den mitternächtlichen Spaziergang bei strömenden Regen übernimmt oder den Geschirrspüler ein- und ausräumt, weil sich meine Mama angekündigt hat und alles zumindest halbwegs aufgeräumt sein soll, dann hat das rein gar nichts damit zutun, dass ich irgendwelche Rachegelüste hätte oder auf so seltsame Ideen kommen würde, ihm zu Lehrzwecken meinen rosa Cardigan in seine weiße Hemden Wäsche zu schummeln. Nur damit er ENDLICH merkt, dass mein rosa Cardigan eben NICHT in die dunkle Buntwäsche gehört, sondern in die rosa Buntwäsche. Aber ich schweife ab, denn er kann wunderbar die Wäsche waschen und das tut er nicht, weil ich ihn erzogen habe oder dergleichen. Nein, das macht er gerne. Genauso gerne wie ich. Also ähm, egal.

Also mir passiert das jedenfalls laufend und ich bin sehr dankbar, dass Andreas das nicht jedesmal mitbekommt, denn mit erziehen hat das ja gar nichts zutun. Ich meine, er hat mich ja auch nicht erzogen, so dass ich ihm gefallen. Ich tue ja auch alles für ihn, weil ich es gerne tue. Na gut, als er mir zum 139. Mal erklärt hat, ich solle doch bitte meine Müslischale nicht eintrocknen lassen, dann tu ich das mittlerweile auch nicht mehr, oder dass man das Auto nicht mit leerem Tank in die Garage zurückstellt, weil am Ende eh ich die Dumme bin, die dann noch mehr zu spät kommt, weil ich ja eh immer zu spät komme. Und ja das mit dem zu spät kommen ist auch noch so eine Sache, das läuft auch viel besser mittlerweile. Viel besser. Naja, etwas besser.

Jedenfalls möchte ich eigentlich nur sagen, dass hier niemand irgendjemanden erzieht. Denn wir sind toll, er ist toll und ich bin toll und zusammen sind wir toller und wir brauchen uns nicht zu erziehen, habt ihr da draußen das endlich verstanden? Erzieht ihr doch weiter eure Partner, wenn ihr meint das machen zu müssen, aber ich muss jetzt Schokolade kaufen gehen bevor Andreas nach Hause kommt.

Foto: Tony Gigov