Storytime: Im Fluss

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Wie ihr vielleicht wisst, schreibe ich ab und an ganz gerne. Vor ca. fünf Jahren habe ich auf meinem Handy eine Notiz eingestellt, die ich laufend mit Ideen für Geschichten, Zitaten und Geistesblitzen fülle und diese ist mittlerweile ziemlich lang. Ein Notizbuch hat für mich leider nicht geklappt, wenngleich das natürlich die viel schickere Variante wäre. Aber das Handy habe ich nun mal immer bei mir und es kann passieren, dass ich dann ganze Kurzgeschichten in mein Handy tippe, nur weil mich gerade die Muse küsst. So geschehen während des Fluges nach Lissabon letzte Woche, als ich vor Langeweile meine Notizen durchging und auf eine Idee stieß, die ich vor einigen Jahren hatte und dann gleich ausbaute. Entstanden ist folgender Text und da er etwas ganz anderes ist, als das, was ich normal schreibe, bin ich etwas nervös den Veröffentlichungs-Button zu klicken, aber ich hoffe, dass ich euch auf eine kleine, etwas düstere Reise mitnehmen kann und zukünftig noch mehrere folgen…

 

S

eit Stunden sind wir bereits ohne Pause unterwegs. Der Blick von Cornelius ist konzentriert auf die verschlungene Bergstraße gerichtet und erlaubt kein Gespräch, was aber nicht weiter schlimm ist. Denn ich bin seit langer Zeit tief in Gedanken versunken, aus denen ich sowieso nicht gewillt bin aufzutauchen. Ab und an werfe ich einen kurzen Blick zu ihm, den er aber scheinbar nicht bemerkt. Wir sind eines von diesen Paaren, die für Stunden schweigend nebeneinander sitzen können und über das sich andere Paare wundern: Haben die beiden einander nichts mehr zu sagen? Ja, vielleicht, aber auch das ist nicht schlimm. Wir plappern nicht unnütz, sonder sprechen dann, wenn wir wirklich etwas zu sagen haben und das mag ich eigentlich an uns. Die herbstliche Landschaft fliegt an uns vorbei, vereinzelt erkennt man noch Wasserpfützen vom heftigen Regen der letzten Stunde, aber bald würde sie sich in eine karstige und verbrannte Landschaft verwandeln, je näher wir an unser Ziel kommen. Eine Woche Badeurlaub in Kroatien haben wir geplant. Eine Woche Nichtstun ist geplant. Eine Woche nicht reden.
„Lass uns bitte bei der nächsten Möglichkeit kurz halten. Ich möchte mir gerne meine Beine etwas vertreten.“
Er nickt wortlos, mit einem kurzen Seitenblick auf mich. Ich starre ihn an und warte, ob noch ein Lächeln folgen würde. Aber wieso sollte er? Ich habe nichts Lustiges gesagt oder ihn angelächelt.

Nach wenigen Minuten lenkt er auf einen einsamen Rastplatz, der von Bäumen und dichtem Gestrüpp umgeben ist und ein kleines Toilettenhäuschen als Mittelpunkt hat. Er ist einer dieser Rastplätze, die man nachts meidet und tagsüber an seine Kindheit erinnern lassen, als man sich in die Brennnesseln zum Pinkeln gesetzt hat, weil die Toiletten widerlich waren, oder man Mamas mitgebrachte belegte Brote, auf der bekritzelten Sitzbank verschlungen hat.

Cornelius verabschiedet sich Richtung Toilettenhäuschen. Ob er sich jemals in Brennnesseln gesetzt hat?

 

 

Er nickt wortlos, mit einem kurzen Seitenblick auf mich. Ich starre ihn an und warte, ob noch ein Lächeln folgen würde. Aber wieso sollte er? Ich habe nichts Lustiges gesagt oder ihn angelächelt.

 

 

Wie es wohl wäre, ein Teil des rauschenden Wassers zu sein?

Ein leises Rauschen in der Nähe lässt mich aufhorchen. Ich war bereits aus dem Auto gestiegen und laufe ziellos auf und ab, aber dieses Rauschen lässt mich neugierig werden. Wie es wohl wäre, ein Teil des rauschenden Wassers zu sein? Ich könnte problemlos dahingleiten, zwischen all den kantigen Steinen und dem Treibholz. Ganz anders als jetzt. In dem Jetzt kämpfe ich mich vorwärts, mit all der Kraft, die ich in einem Moment zu vergeben habe. Manchmal so viel, dass es mir die Luft aus den Lungen presst. Manchmal so wenig, dass ich mich übergeben könnte ob meiner Disziplinlosigkeit. Aber Wasser, das gleitet und sprudelt dahin, mit einer Energie, um die es nie gebeten hat.
Ich streife meine Sandalen ab, an denen noch der Schmutz der Stadt klebt, und durchschreite mit bloßen Füße das feuchte Gras in Richtung des Wassers, spüre die vereinzelt spitzen Steine dazwischen und die schlammig gewordene Erde. Nur noch wenige Meter müssten mich von der Quelle des Rauschens trennen. Ich bin mir nun sicher, dass es ein kleiner Fluss sein muss, aber was mache ich, wenn ich am Flussbett angekommen bin? Werde ich es eine zeitlang bewundernd beobachten und dann wieder umkehren, in die bequemen Sandalen schlüpfen und zurück zu Cornelius? Etwas in mir windet sich bei diesem Gedanken und ich beschließe, dass dies keine Option ist.

Ineinander verwachsene Büsche stehen zwischen mir und dem Fluss. Die Blätter haben bereits begonnen herabzufallen und bedecken den Boden mit einer dünnen braunen Schicht. Ich ducke mich und krieche mit halb geschlossenen Augen durch das Geäst, drücke mehrere mir im Weg stehende Äste auf die Seite, ohne sie zu brechen. Ich sehe bereits das Wasser vor mir, öffne die Augen komplett und halte kurz inne. Nur noch wenige Schritte durch das Dickicht und dann würde ich vor dem reißenden Fluss stehen. Ohne zu zögern klettere ich über die Steine am Ufer herab und steige mit einem entschlossenen Schritt in das schäumende Wasser. Genau das möchte ich jetzt machen! Es war eiskalt und lässt mich überraschend spüren, was ich hier gerade tue. Mein Rock verfängt sich in den Wellen und tanzt wild um mich herum, er zeigt mir die reißende Kraft des Wassers, das es nun darauf anlegt, mich in die Knie zu zwingen, nichtsahnend, dass es genau das ist, was ich liebend gerne freiwillig machen möchte. Fallen lassen, darauf vertrauen, dass mein Kopf sanft im fließenden Nass landet, die Arme ausbreiten und in einem wilden Strudel davontreiben lassen. Ich gehe noch einen Schritt weiter, bis mir das Wasser zum Bauchnabel reichte und meinen Körper mit einer eisigen Kälte durchzieht, schließe die Augen und konzentrierte mich nur auf das tosende Rauschen um mich und die Wasserkraft, die an mir zerrt. Von der Ferne höre ich die sich nähernden Rufe von Cornelius. Und dann falle ich. Ich falle und plötzlich wird mir meine Schwerfälligkeit bewusst und dass meine Leichtigkeit ein romantisches Trugbild war. Mein Kopf landet rücklings im Wasser, taucht kurz unter, nur um dann von den vielen kleinen Wellen eingenommen zu werden. Ein Strudel ergreift mich und wirft mich mit seiner Gewalt über kantige Steine, an denen ich mir meine Schultern und Arme stoße. Panik schießt hoch. Meine Kleidung saugt das Wasser in Windeseile auf, entwickelte ein unvorhersehbares Eigenleben, sie sperrt mich in ihr ein und macht jede Bewegung schwerer als sonst. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich wollte frei sein und jetzt muss ich kämpfen. Den Mund voller Wasser schnappe ich erfolglos nach Luft, rolle mich auf den Bauch und suche Halt, aber ich kann keinen festen Stand mehr finden. Die Wellen überschlagen sich, das bitterkalte Wasser lässt meine Glieder einfrieren – die Strömung hat mich fest in seiner Hand. Mit meinen letzten Kräften strecke ich mich nach jedem Zweig, der sich über den Fluss biegt, schlage mit den Knien dabei aber lediglich erneut auf Felsen, die sich mir scheinbar mutwillig in den Weg legen und lande unsanft im Getöse. Was hatte ich mir dabei bloß gedacht? Dass ich einer dieser unnachgiebigen Felsen bin, die dem Wasser trotzen oder ein windiger Fisch? Ich bin wohl eher das tote Herbstlaub, das auf der Wasseroberfläche zwischen dem Tosen kurz hin und her tanzt, aber schlussendlich doch ans Ufer ausgespuckt wird.

Unvermittelt wird das Wasser ruhiger und tiefer, lässt ein paar Schwimmbewegungen zu, um an Ufernähe zu gelangen. Jetzt höre ich auch Cornelius wieder, der entsetzt auf dem erhöhten Ufer steht und den Hang heruntergestürzt kommt.
„Ich bin gleich bei dir! Warte, halte dich fest, ich zieh dich raus!“ Mitsamt seinen Schuhen springt er in das kniehohe Wasser und umfängt mich mit seinen warmen Armen, an denen ich mich festkralle, unfähig ein Wort mit meinen zitternden Lippen zu formen.

„Was hast du dir denn dabei gedacht Viola? Man erkennt doch sofort, dass das zu gefährlich ist, was du da treibst!“

„Ja du hast recht, ich habe mir nicht viel dabei gedacht,“ presse ich hervor. Ich wate aus dem Wasser und ziehe den nun mit Wasser vollgesogenen Rock hinter mir her über die Wiese Richtung Auto. Dort wechsle ich stumm meine nasse Kleidung gegen trockene aus dem Koffer und schlüpfe in meine alten Sandalen. Cornelius beobachtet mich dabei mit einem leeren Blick, reicht mir ein Handtuch zum Abtrocknen der Haare. Er weiß ganz genau, was ich mir dabei gedacht habe, da bin ich mir sicher. Wir sind seit neun Jahren zusammen, da weiß man das.

Wir steigen ins Auto und fahren los, biegen auf die Autobahn, da entdecke ich braunes Laub von aus dem Fluss, das zu meinen Füßen auf der Automatte klebt. Der Fluss hat es ausgespuckt.

„Ich will kein totes Laub im Fluss sein Cornelius.“

Er sieht mich an, zieht seine Augenbrauen hoch, so wie er es immer tut wenn er nachdenklich ist, und richtet dann seinen Blick wieder auf die Straße.

„Ich weiß,“ antwortet er nach einiger Zeit.

 

 

Ich falle und plötzlich wird mir meine Schwerfälligkeit bewusst und dass meine Leichtigkeit ein romantisches Trugbild war.

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8 Responses
  • Irene
    Juli 18, 2016

    Hallo Julia
    Also ich persönlich finde den Text wirklich sehr gut.

    Lg. Irene
    http://www.moliba.blogspot.com

  • Babsi
    Juli 18, 2016

    Liebe Julia,

    auch wenn der Text ganz anderes ist als deine vorherigen Texte, habe ich ihn genauso gerne gelesen.
    Wobei ich sagen muss, dass er ist wirklich düster und bedrückend ist, aber genau das macht ihn wohl aus!

    Liebe Grüße,
    Babsi

  • dani
    Juli 18, 2016

    Mehr davon!:)

  • Emilia
    August 25, 2016

    Ich bin generell kein Fan von düsteren Texten – allerdings ist dir dieser hier wirklich gut gelungen 🙂 ich würde mich freuen, wenn du in dieser – für dich neuen – Art des Bloggens ab und zu weiteres zu lesen! LG. emilia

  • Karina
    November 8, 2016

    Ich würde gerne mehr solche Artikel von dir lesen! 🙂

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