Ich schenke dir, nicht nach deiner Familienplanung zu fragen

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Wie der aufmerksame Leser unter euch höchstwahrscheinlich bemerkt hat, bin ich nun verheiratet. Das weiße Kleid hängt nicht mehr ganz so weiß im Kleidersack, der Schleier hat es immer noch nicht in eine hübsche Box geschafft, der Bridal Body ist einer Egal-das-ess-ich-auch-noch-weil-ins-Brautkleid-muss-ich-ja-jetzt-nicht-mehr-passen gewichen und die Dankeskarten sind gedruckt und warten endlich verschickt zu werden. Aber sonst ist eigentlich alles beim Alten geblieben. Also was meine Beziehung angeht. Einzig dass plötzlich viele Frauen ein brennendes Interesse an unserer Familienplanung haben. Selbst meine Nagelpflegerin hat mich danach gefragt. Ok, seit meinem letzten Besuch duzen wir uns und ich habe ihr ein paar Steuertipps gegeben, aber war das die unsichtbare Linie, die wir überschritten haben, auf die ein „Wann wollt ihr denn eigentlich Kinder haben?“ folgt?

In meinem Freundeskreis betrachten wir uns eigentlich als fortschrittlich und gleichberechtigt, wir Frauen kämpfen für gleichen Lohn, gleiche Chancen und mindestens gleich viel Bügelwäsche wie der Mann, aber wenn es darum geht Kinder zu gebären, sind plötzlich die meisten wieder mindestens 50 Jahre zurückversetzt. Denn sobald man verheiratet ist, geht man offenbar davon aus, dass dann mal bald Kinder kommen werden. Und wohl gemerkt Mehrzahl. Niemand fragt, wann man denn plane ein Kind zu bekommen, sondern immer, wann man denn plane Kinder zu bekommen. Jedenfalls scheint es mir so, dass dies die Logik ist. Und ich werde das immer von Frauen gefragt. Noch nie hat mich ein Mann nach meiner Familienplanung gefragt. Seit es mich aber selbst betrifft, habe ich dazugelernt, denn auch ich habe früher solche Sager vom Stapel gelassen. Sorry dafür. Ich bin nun dazu übergegangen nicht mehr von vornherein zu sagen „Ja wenn ihr dann mal Kinder habt, dann…“ sondern ein vorsichtiges „Wollt ihr denn überhaupt Kinder bekommen?“ voranzuschieben. Also vorausgesetzt, das Gesprächsthema erfordert dies, wie beispielsweise letztens, als es um die Wohnungsgröße einer gesuchten Wohnung ging. Vielleicht wollen sie ja die zwei übrigens Zimmer ihrer 4-Zimmerwohnung als Ausstellungsraum ihrer Bierdeckelsammlung und Sandburgen-Übungsraum nutzen? Wer weiß das schon? Muss ja nicht jeder ein Arbeitszimmer und Kinderzimmer daraus machen wollen. Muss ja auch nicht jedes Paar einen Kinderwunsch haben. Ich finde es toll, dass man da auch anderer Meinung sein kann! Genauso wie ich es toll finde, dass es nicht schlimm ist ein Leben lang in „wilder Ehe“ zu leben und dass Frauen ihre Sexualität mittlerweile freier ausleben können, ohne gleich als Schlampe abgestempelt zu werden.

Aber spricht man mich auf Familienplanung an, dann kriecht in mir so eine mittelkleine Panik hoch, als würde eine Uhr über meinen Eierstöcken ticken: Tick, wenn dann jetzt, tack, aber jetzt will ich doch noch voll arbeiten, tick, aber ich hab noch so viel Zeit, tack, nö eigentlich gar nicht, tick, vielleicht bin ich ja auch gar nicht für die Mutterschaft gemacht, tack, aber warte nur bis es dann soweit ist, tick, ich will gar nicht dass es soweit ist, tack, aber Kinder bekommen ist so natürlich, das gehört dazu, tick, wer sagt dass das dazu gehört, etwa die Gesellschaft vielleicht, tack, so viele Frauen schaffen alles zusammen, tick, bekomme ich danach überhaupt noch einen spannenden Job oder bin ich dann Teilzeit-Sekräterin wie vor 10 Jahren, tack, oh no ich bin so eine schlechte Sekretärin, tick, tack, tick, tack. Oder mache ich mir einfach schon wieder zu viele Gedanken über etwas, was noch gar nicht ist und ich ganz falsch einschätze? Springe ich gerade auf diesen Zug auf, der aus Kinderkriegen ein perfekt organisiertes Langzeitprojekt macht und es nicht einfach passieren lässt? Übertreibe ich? Glaube ich nicht ausreichend an mich? Oder nervt es mich einfach, dass ich sofort in eine Schublade gesteckt werde, seit ich verheiratet bin? Die Schublade, um die alle rundherum stehen und Wetten abschließen, wann ich denn endlich werfe. Als ob das das ganz logische nächste Ziel ist nach einer Hochzeit. Eigentlich habe ich aus Liebe geheiratet und nicht um direkt darauf eine Familie zu gründen, das würde ja auch ganz gut ohne Trauschein klappen.

Ich denke eigentlich nicht, dass ich übertreibe. Denn einer Freundin, die doch eine zeitlang auf Jobsuche war, hat man beim Arbeitsmarktcenter beinhart ins Gesicht gesagt bekommen, dass man mit Anfang 30 und frisch verheiratet, sehr schlechte Karten hat. Ob das besser wird, wenn man Mitte 30 ist und bereits ein Kind hat? Momentan arbeite ich ja noch selbstständig, aber wer weiß was das Leben noch so auf Lager hat.
Aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich mich insbesondere gegen diese Schublade wehren möchte. Ich lasse mich nicht gerne in Schubladen stecken, auch wenn ich es nicht verhindern kann, aber wenn es so ungefiltert passiert, dann finde ich das nicht so nett.

Meine oft zitierte Großmutter legte mir übrigens kürzlich ans Herz, keine Kinder zu bekommen. Sie habe mich mit Andreas beobachtet und wir gehen so liebevoll miteinander um, das sollen wir uns von Kindern nicht zerstören. Naja, nicht so nett wenn man bedenkt, dass es ja dann mich auch nicht geben würde, wenn sie diese Meinung schon früher gehabt hätte, aber zum Nachdenken bringt es einem ja doch. Und dann war da noch diese ganze Diskussion über #regrettingmotherhood.

Jedenfalls vergeht kaum ein Tag in Gesellschaft, an dem das Thema Kinderkriegen nicht zur Rede kommt. Sei es mit Freundinnen, die gerade Kinder bekommen haben, Freundinnen, die versuchen Kinder zu bekommen oder eben meine Nagelpflegerin. Bitte einfach damit aufhören und nicht mehr davon ausgehen, dass sobald man einen Ring am Finger hat, sofort Kinder folgen. Wer es sich wünscht, dem drücke ich die Daumen, dass es auch sofort klappt, aber bitte auch diese nicht immer und immer wieder danach fragen. Die Armen werden dadurch ja nur noch mehr unter Druck gesetzt! Da lobe ich mir doch meine Freundin, die mir etwas wirklich Nützliches zur Hochzeit geschenkt hat: Sie schenkte mir nämlich, nicht danach zu fragen, wann ich denn endlich schwanger wäre.

Foto: Sebastian Pichler

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13 Responses
  • Victoria
    November 25, 2015

    Liebe Julia,

    sehr, sehr schön geschrieben!
    Ich bin normalerweilse eine stille Genießerin von Blogs und schreibe kaum bis nie Kommentare.

    Ich bin weder verheiratet noch bin ich 30 (da hab ich noch ein bissi). Und trotzdem kam erst vor kurzem diese Thema in der Arbeit unter netten Kolleginnen auf.
    Als ich mir erlaubt habe zu sagen, dass ich eigentlich gar nicht weiß ob ich überhaupt jemals Kinder möchte, brach für meine Kollegin quasi die Welt zusammen. „Was? Warum denn nicht? Ist das nicht der Sinn des Lebens?“
    Bitte? Hat mein Leben ohne Kinder denn keinen Sinn?
    Diese Frage lass ich nun einfach mal offen.
    Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob es mir ähnlich wir Dir ergehen wird, sollte ich mal heiraten.

    Alles Liebe!
    Victoria

  • Isabel
    November 25, 2015

    Da sprichst du mir aus dem Herzen!
    Nicht zu vergessen, dass es heute viele Paare gibt, die würden ja eigentlich gern Kinder (oder zumindest mal ein Kind) bekommen, KÖNNEN aber einfach nicht. Jene, die munter darauf los fragen wie es denn um die Familienplanung steht, ahnen ja nicht welche Wunden sie damit aufreissen können. Da fehlt es unserer Gesellschaft noch an Feinsinn… Leider wird dieses Thema dann auch immer gern ganz fix unter den Teppich gekehrt und niemand möchte sich damit auseinander setzen.

  • Michaela
    November 25, 2015

    Ich verstehe vollkommen, dass dich das nervt! Aber ich kann dir versichern: Als Single mit 30 Jahren ist es auch nicht sonderlich rosig: „Und, wie schauts in der Liebe aus?“ „Na, du findest dir niemanden?“ „Lernst du niemanden kennen? Es gibt doch sooo viele Männer“…ich fühl mich manchmal wie eine Außerirdische!
    lg Michaela

  • JDM
    November 25, 2015

    Nicht dass ich dir den Rückschritt wünschen würde – aber ich finde, du warst eine sehr gute Sekretärin 🙂

  • minka
    November 25, 2015

    „wann man denn plane ein Kind zu bekommen, sondern immer, wann man denn plane Kinder zu bekommen.“ – Ist mir aufgefallen.

  • jana
    November 26, 2015

    so ein guter Text und so wahr. Ich merke, wie das auch bei mir immer mehr Thema wird. Meine Oma ist kurz vorm ausrasten, weil keins ihrer Enkel ein Kind hat, obwohl die Hälfte schon um die 30 ist… Die versteht die Welt nicht. Aber wir genießen hier unser Leben und ich habe auch eine Cousine, die mit 43 ihr erstes Kind bekommen hat. Vielleicht wird’s ja später mal was. Oder eben nicht 😉

  • Michaela
    November 26, 2015

    Sehr gut geschrieben – Du sprichst mir aus der Seele! Ich weiß auch noch nicht, ob ich jemals Kinder haben möchte. Die ständige Frage danach empfinde ich auch als unglaublich anstrengend. Zumal da schon Druck aufgebaut wird – ich möchte nicht wissen, wie es Frauen geht, die bereits versuchen, ein Kind zu bekommen und es (noch) nicht klappt, die diese Frage gestellt bekommen.

  • Bianca
    November 29, 2015

    Ich bin ein bisschen älter als ihr – Anfang 40. Kann euch sagen: es wird besser, und zwar dann, wenn man sich selbst sicherer ist.(Und ja, natürlich, das dauert. Ich hab mit Anfang 30, mit Mitte 30, mit Anfang 40 mit der tickenden biologischen Uhr gerechnet – kam nur nie) Ich fand dieses penetrante Nachfragen nach Kindern auch so übergriffig und widerlich, als würde ich nach intimen Sexdetails gefragt.

    Die blöden Fragen haben übrigens bei mir aufgehört, als ich beschlossen habe, mit trauriger Miene zu antworten, dass ich keine Kinder bekommen könne. 😉

  • Anna
    November 30, 2015

    Bei uns ist es witzigerweise genau umgekehrt. Wir erwarten unser erstes Kind und werden bei jedem Treffen danach gefragt, wann wir denn endlich heiraten werden – das ist doch nicht schön für das Kind, wenn die Eltern unterschiedliche Namen tragen, das gehört doch dazu, wenn man Kinder in die Welt setzt,… Ich fühle also mit dir, wenn auch „umgekehrt“ 😉

  • Nadine
    Dezember 4, 2015

    Oh jaaaa das kenne ich zu gut! Schrecklich! Mittlerweile bin ich so beruhigt, dass es viele Paare gibt, die nicht an Nachwuchs denken. Ich glaube, dass sich die Zeiten auch verändert haben und ein Kind nicht zwangsläufig zum Leben dazugehören muss.
    Bei dieser Frage denke ich oft an die Frauen, die es jahrelang versuchen, total verzwifelt sind und dann mit diese sehr indeskreten Frage bombadiert werden! Unverschämt.
    Toller Artikel!
    Liebste Grüße
    Nadine von tantedine.de

  • Christine
    Januar 31, 2016

    Mach dir nicht zuviel daraus, das ist halt so etwas wie ein „Pawlowscher Reflex“ noch aus den Jahrhunderten vor der heutigen Familienplanung, als Ehe = Sex = Kinder bedeutete. Die fragenden Frauen betreiben zwar zumeist selbst Familienplanung, plappern aber Stereotype nach oder suchen selber Orientierung. Da muss frau immer noch durch. Meiner Meinung nach ist der Sinn des Lebens Leben. Und über mein Leben bestimme ich. Wie auch immer. 😉

  • Nini
    Juli 24, 2016

    Ich finde, dass man diese Fragen nicht so ernst nehmen soll. Wenn man mit frischverheirateten spricht gehört das ja fast zum Smalltalk dazu ;). Wir waren 13 Jahre zusammen bevor unsere Tochter auf die Welt kam und wollten lange Zeit keine Kinder. Der Wunsch kam plötzlich, wir waren bereit :). Ich bin 34, arbeite seit einem Jahr wieder und alles klappt wunderbar. Mein ex-Chef fragte mich letzte Woche, wann ein zweites kommt ;), fand ich nett, aber unsere Familienplanung ist abgeschlossen. Mach Dir nicht so viele Gedanken, Du wirst es spüren, wenn Du soweit bist und wenn nicht, dann ist es auch gut! 😉

    PS Deine Oma hat recht, die Liebe verlagert sich zum großen Teil auf das Kind, aber das ist nicht schlimm, denn das Kind hat man aus Liebe bekommen. Der Partner ist nicht mehr alleine die Nr. 1!

    LG

  • Melanie
    August 31, 2016

    Ich kenne die Thematik – mein ehemaliger Freund hatte das ganze sehr locker gesehen und ab und zu im Gespräch mal etwas gesagt wie: Du wärest eine tolle Mutter. Oder „Wenn wir dann hier mal später mit unseren Kindern Urlaub machen, dann..“ – ich solchen Momenten habe ich immer etwas Panik bekommen, dass er in seinem Kopf schon eine Zukunft mit feste Vorstellungen zu bauen begonnen hat, ich jedoch noch gar keine konkreten Vorstellung dazu gehabt habe. Daran ist es vielleicht auch gescheitert.

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