FKK für Anfänger oder: Nackt sein ist nicht so schlimm, wie gedacht

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FKK für Anfänger

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er, wenn nicht ich, kann über FKK am authentischsten schreiben, stimmt’s? Ihr wundert euch? Ja ich auch. Ich, die regelmäßig einen Sichtschutz aus Handtuch, Liege und Gestrüpp benötigt, damit sie sich im öffentlichen Raum in Badekleidung werfen kann, wird euch jetzt erzählen, wie das so klappt mit dem FKK. Und nein, wenn ich FKK sage, dann meine ich nicht Fahrkartenkasse. Das würde zwar mehr Sinn ergeben, dass ich mich damit beschäftigte, als mit der Freikörperkultur, aber das meine ich mit FKK nicht. Ich rede wirklich gerade davon, dass ich im FKK-Bereich sonnenbaden und ja, sogar baden war.

Wahrscheinlich höre nur ich meinen inneren Aufschrei und ihr gähnt euch da durch die gelesenen Zeilen, weil nackt baden und sonnen zu den natürlichsten Dingen für euch gehören. Außerdem: Der Trend zur Natürlichkeit steht in harter Konkurrenz zu Fake Lashes & Co. Also warum dann nicht auch Nacktheit bewusster erleben? Für mich war es eine ziemliche Überwindung, weil ich es in einer Therme das erste Mal ausprobierte. Warum ich es trotzdem getan habe? Aus zwei Gründen: Weil im FKK-Bereich der Therme deutlich weniger Leute waren und die, die da waren, gefühlt über 60-jährige Ehepaare waren, die einandere nichts mehr zu sagen hatten. Das bedeutet für mich – Ruhe. Und Ruhe bedeutet in Folge auch, dass Kinder in den FKK-Bereich keinen Zutritt haben, was mein zweiter Grund war. Hört sich für manche unter euch ein bisschen asi an, ist es vielleicht auch, aber ich verrate euch mal was: Das ist mir egal. In der Therme möchte ich meine Ruhe haben und da habe ich mir folgende Frage gestellt: Viele und laute Menschen erdulden oder nackt sein? Ich bin mir nicht so sicher, was die Tatsache, dass ich lieber die Hüllen fallen lasse, als dass ich mich mit ein paar Leutchen mehr um einen Pool Liege an Liege lege, aussagt, aber das ist er, der kleiner Einblick für euch auf meine Prioritäten.

Anstoß für den finalen Wechsel unter die Nackerbatzis war, als sich eine Familie mit pubertierenden Kindern neben mich gelegt hatte. Im letzten Eck des Außenbereiches, der am weitesten entfernt ist von Klo, Pool und Eis. Also dort, wo niemand liegen will, der seine Grundbedürfnisse im Urlaub schnellstmöglich befriedigen möchte. Ich beschloss einen Umzug mit Fallback. Ein zurückgelassenes Handtuch auf meiner Liege, sicherte mir die Option, jederzeit in die Welt der verklemmten „kannst-du-mal-mein-Handtuch-kurz-halten“-Badesachenwechsler zurückzukehren.

Und das ist auch schon mein 1. Tipp: Immer eine Rückkehroption sichern!

Mit nur noch einem Handtuch um den Arm gehängt, stapfte ich zum angrenzenden Nacktbereich, der durch eine dichte Hecke abgeschirmt ist. Ein Schild warnt alle davor, dass ab jetzt Schluss mit Badebekleidung ist. Also wickelte ich mir mal mein Handtuch um meinen Körper, dass man auch annehmen könnte, ich wäre nackt darunter. So schlau, stimmt’s?
Mein erster Eindruck: Wenig Leute. Perfekt. Ich hatte die freie Auswahl, welche Liege es werden sollte.

Und hier kommt der 2. Tipp: Ich denke es ist logisch, dass man sich nicht direkt neben anderen Gästen legt, wenn sonst alles leer ist. Man hält höflichkeitshalber Abstand. Wählt eine Liege, die an eine Mauer und eine Hecke angrenzt und dreht die Liege um, so dass ihr auf eben diese Wand oder Hecke seht.

Der Vorteil darin ist denke ich klar, denn wer gerne mit aufgestellten Beinen auf der Liege liegt, kann diese so auch tun, ohne sich wie beim Gynäkologen zu fühlen und den anderen Besuchern einen freien Blick auf die Gebärmutter zu liefern.

Liege hatte ich somit gefunden, richtig platziert war sie ebenfalls, Handtuch aufgelegt und nun zog ich betont lässig, als wäre es das natürlichste Welt, meinen noch nassen Bikini aus. Es ist ja nicht so, dass ich mich noch nie in den vertrauten vier Wänden meiner blickdichten Terrasse daheim nackt gesonnt hatte, aber so in der Öffentlichkeit, war das schon etwas anderes. Und als ich so dalag, die Sonne die ungebräunten Körperstellen ungewohnt erwärmte, da vergaß ich dann ganz schnell, dass ich das zum ersten Mal machte und fragte mich lediglich: Wieso habe ich das nicht schon eher mal gemacht? Wahrscheinlich liegt es daran, dass Andreas regelmäßig zufällig Arbeitskollegen in der Thermensauna trifft und ich kann mir kaum etwas unangenehmeres vorstellen, als die Situation, in der man einander krampfhaft in die Augen sieht, während man über die Temperatur in der Sauna diskutiert. Andreas meint zwar regelmäßig, dass da gar nichts dabei sei und er das nicht unangenehm empfindet, aber das zeigt mir mal wieder, dass es immer normaler wird, je öfters man nackt herumläuft.

Tipp 3 lautet: Wer sich das erste Mal an FKK rantasten will, kann ein zweites Handtuch über den Hüftbereich legen, während ihr auf der Liege liegt.

Ich habe auch eine junge Frau gesehen, die ihr Höschen anließ, aber eigentlich sollte man im FKK-Bereich komplett nackt sein. Beschwert hat sich niemand bei ihr, also bedeutet das für mich, dass wenn man sich etwas zurückzieht, auch das toleriert wird. Und das führt mich zu meinem nächsten Tipp.

Tipp 4: Dein Handtuch ist dein bester Freund. Möchtest du in die Sauna oder zum Pool gehen, dann wickle das Handtuch um deinen Körper. Nirgendwo steht, dass man nackig durch die Gegend spazieren soll.

Es gibt vor der Sauna und neben dem Pool Möglichkeiten um das Handtuch aufzuhängen, dann muss man bspw. nur noch wenige Meter nackig gehen, bis man im Wasser ist. Und so habe ich das auch getan.

Und dann kommt auch schon mein 5. und gleichzeitig letzter Tipp: Wer die Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen will, der sollte sich unauffällig verhalten. Und damit ist auch gemeint, abends nicht die Letzte zu sein. Und ja, da spreche ich aus Erfahrung.

Ich genoss die letzten Minuten Wärme der bereits untergegangen Sonne, tippte im Schneidersitz auf meinem Laptop ein paar Zeilen und hörte parallel meine Lieblingsplaylist, als plötzlich ein junger Mann in kompletter Bekleidung neben mir auftauchte. Was ich nämlich nicht bedacht hatte: Weil wenn man die Letzte im FKK-Bereich ist, kommt irgendwann jemand, der die Liegen wieder in Reih und Glied stellt, bisschen aufräumt und prüft, ob alles in Ordnung ist. Das ist dann jemand, der in voller Bekleidung diesen Job macht und du bist nackt, wie Gott dich schuf. Etwas unausgeglichen. Wenn dieser dann einen Ticken zu freundlich für diese seltsame Situation ist, dann sucht man ganz schnell nach seinem Handtuch, packt seine sieben Sachen und will abzischen. Nicht ohne aber, dass der freundliche Mann einem noch nachruft: „Aber Sie müssen noch nicht gehen, wäre doch schade, um so eine sympathische Dame hier.“

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5 Responses
  • Bibi
    August 16, 2017

    Interessanter Artikel…
    Ich habe mich dieses Jahr auch das erste mal an einen FKK-See getraut (mit meiner Schwester und 2 Freundinnen). An dem See herrschte zwar kein strenges FKK-Gebot, aber der nahtlosen Bräune zuliebe, lagen wir (bzw ich und meine Schwester) kurze Zeit später auch oben ohne in der Sonne. Zwar waren wir so ziemlich die einzigen U50 die mehr Haut zeigten, aber dennoch wurde man nicht angegafft o.ä. (lag aber vielleicht auch daran, das alle jüngeren Männer dort mit ihrer Freundin da waren 😀 ).
    Und ehrlich gesagt lag meine anfängliche Scheu auch eher in der Kategorie „aber ich hab doch da ein paar Dehnungsstreifen… und der dicke Bauch…. das geht nicht!“, aber man wird entspannt… und das ist ok. Ich bin 28 und ganz froh „so früh“ gelernt zu haben das man halt nicht perfekt ist und Makel hat. Was soll’s. Die hat jeder… und wenn man das akzeptiert ist das nackte Sonnenbaden wirklich ganz nett und eine schöne Entspannung.
    (Übrigens komme ich aus dem östlichen Teil Deutschlands… da ist man ja bekanntermaßen eh wesentlich entspannter was FKK angeht)

    • Fanfarella
      August 16, 2017

      Finde ich toll, dass du das für dich gelernt hast und entspannt damit umgehen kannst! Ich habe ja sowieso den Eindruck, dass eher ganz normale Körper mit dem ein oder anderen „Makel“ im FKK-Bereich anzutreffen sind, als die perfekten. Da fühlt man sich selbst ganz schnell auch normal und merkt, dass jeder so seine Dellen und Röllchen hat und das finde ich eigentlich sehr erfrischend 🙂

  • Silvi
    August 16, 2017

    OMG, ich finde die Einstellung schon auch irgendwie etwas verklemmt. Du tust gerade so, als ob du einen Sondereinsatz in einer Kampfzone hinter dir hast oder ein Nahtoderlebnis überwunden. Ja, nackt sein ist nicht dein Ding, muss es auch nicht sein. Aber es ist echt nicht so eine große Sache, wie dein Einstieg vermuten lässt. Bevor du Menschen erträgst, wirfst du dich nackt zwischen Pensionisten !?! 😉

    Da wird das erste Mal FKK hochstilisiert wie das Tauchen mit Haien auf einer menschenverlassenen Südseeinsel, das Handtuch wird zum Lebensretter und so weiter und so weiter … ich wünsche dir sehr, dass du lernst dich zu entspannen. Aber ich muss dir hoch anrechnen, dass du zumindest über deine eigenen Grenzen gegangen bist. Macht nicht jeder und wirklich nichts für ungut :).

    • Fanfarella
      August 16, 2017

      Naja Pensionisten sind ja auch Menschen 😀 Aber in Summe, waren es weniger dort und deshalb hab ichs ausprobiert. Dass FKK kein großes Thema ist für viele, war mir eh klar, deshalb auch mein Hint darauf, dass es wohl welche gibt, die das zum Gähnen spannend finden. Aber wenn ich mal was schreibe, dann über etwas, das mich beschäftigt und dann auch mal gerne etwas überspitzt, so wie du deinen Kommentar eben auch – aber das ist ja gut so. Sonst ist mein Text am Ende noch langweiliger zu lesen, als das Thema für manch andere sowieso schon ist 😉 Aber danke dir natürlich für deine Meinung, freu mich immer über Kommentare!

  • annika
    August 24, 2017

    Wirklich lustig zu lesen, wie alle deiner Kolumnen (die leider viel zu selten online kommen!)! Mein Freund scheißt auch komplett auf Schamgefühle und zieht sich im Freibad komplett ohne Sichtschutz einfach auf der Wiese um. Ich bin da ein bisschen gschamiger, führe aber trotzdem nicht diesen blöden Handtuch-Tanz auf, den man oft sieht, wenn sich jemand auf der Liegewiese umzieht. Das schönste Badeerlebnis für mich war nackt baden in einem verlassenen Vogelschutzgebiet am Wattenmeer in Dänemark. Also verlassen bis auf die Reisegruppe aus Saudi-Arabien, die unerwartet auftauchte und wo die Männer den Anblick doch recht nicht-alltäglich fanden…

    Und DANKE für deine ehrliche Meinung zum Thema Kinder in der Therme. Meine Schwiegereltern reagieren entsetzt bei solchen Aussagen („Wie kann man keine Kinder mögen? Du warst doch selbst einmal ein Kind!“). Ist mir wurscht. Wenn ich 25€ Eintritt in eine Therme zahle, will ich keinen fremden Kindern beim Plärren zuhören. Und Schwimmwindeln sind wohl das grauslichste überhaupt.

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