“Wir gehen ins Theater, da bestellt man aus einer Karte sein Theaterstück in verschiedenen Separees. Willst du auch kommen?”"Ja klar!” Ich, rein in meine regenfeste Theaterkluft – intellektuelles schwarz-weiß, wasserfeste Heels und roter Lippenstift. Reaktionen von meinen Mädels bei der Ankunft: “Wohin gehst du denn nachher noch, dass du dich so aufgemaschelt hast?”"Äh, nirgendwohin, ist ja Theater, daher etwas hübscher und ich will meine neue Bluse ausführen. Außerdem, gehen wir nachher nichts Trinken?”"Getrunken wird dort.” Aha, hätte vielleicht vorher doch die Homepage www.mimamusch.at besuchen sollen, dann hätte ich gewusst, dass ich selbst mit meiner Couch-Potato-Kluft overdressed gewesen wäre.
Der Aufgang zu den Räumlichkeiten des “Theaters”
Am Ort des Geschehens, dem Ragnarhof im 16. Bezirk, angekommen, begrüßt uns ein freundliches Dreadlocks-Wickelkopftuch-Poncho-Dreitagebart-Kommitee, nimmt uns 6 Euro Eintritt ab und drückt uns Pokerspielgeld in die Hand. Gewinnen kann man eine mexikanische Tasche. Weiter geht’s in das mehrstöckige baufällige Haus, das aus meiner Sicht allen Sicherheitsbestimmungen und Brandschutzvorschriften widerspricht: Unebene Stiegen und Böden, lose Kabel, unfertige Wände, wackelige Gelände und Stiegenaufgänge, Türen die ins Bodenlose öffnen und Ausstattungen, die keinesfalls feuerfest sein können. Aber egal, no risk no fun und der allgegenwärte würzige “Spezial-Kräuterrauch-Duft” lässt es einem noch wurschtiger werden.
Erste Anlaufstelle ist natürlich die Bar. Wir schieben uns vorbei an Graffitis, Posters, Sprücheklopfern und mit Stickern beklebten Wänden, Stromkästen und Türen, durch Super-Alternative, Super-Intellektuelle, Super-Individuelle, Super-Antimainstreamer, Super-Konsumhasser, Super-Grünwähler zu der super-billigen Bar. Ja, endlich was für mich! Eine Band die verdächtig an Helge Schneider erinnert (laut C.) spielt, am improvisierten Pokertisch messen sich die Tweed-Schiebemützen-Träger mit dem Blechmann um die mexikanische Tasche. Da sind die also alle, die ich auf der Uni sehe, aber sonst nie. Da gehen sie also alle am Abend weg! Wir lassen uns von zwei, der überall um Publikum buhlenden Schauspieler, zum ersten Stück verführen: “Der Charme der phallischen Objekte”. Hört sich gut an, oder? War es auch. Mit den zwei Schauspielerinnen handeln wir einen pro Kopf Preis von 3 Euro aus. Dann geht es los und die zwei Schwestern streiten sich bis zum Tod um Liebe, Leben, Männer und Geld.
Nächstes Stück heißt “Im Bett… DramaPorno” mit der Schwester einer Freundin. Sehr mitreißend, wie eine Frau lernt, dass die Liebe zwischen Mann und Frau keine Sünde ist und sich von der Mutter löst. Zur letzten Vorstellung ließen wir uns überreden “wie eine polnische Hure den gutgläubigen Freier” (O-Ton C.). Wir gingen nämlich nur mit, weil ER einfach so charmant zu uns kam und uns ca. 5 Minuten lang seinen Knackpo entgegenstreckte. Die Vorstellung selbst war leider eine Enttäuschung, aber wir machten sie uns lustig:
Er will sich in dem Stück an einer Arbeitskollegin rächen und den (imaginären) Schreibtisch dieser (pantomimisch) zersägen (das wusste ich aber erst später). Auf eine vor- und rückwärts Bewegung seiner Hand meinte er:
“Aber das ist schon recht anstrengend”
(In meinem Kopf begann nun ein zweites Theaterstück, ein nicht ganz jugendfreies) Ich muss schmunzeln.
Er: “Da muss was Elektrisches her”
Ich plustere los vor lachen. Er kennt sich nicht aus, weiß ja auch nicht, dass ich noch nicht weiß, dass es ums sägen geht.
Er: “Was könnte ich denn stattdessen verwenden?” Und meint statt eines Fuchsschwanzes, den er zuvor vorgeschlagen hatte und ich nicht als Säge identifiziert habe, sondern als diesen schrecklichen Prolo-Schlüsselanhänger. Wusste ja auch nicht, dass er den blöden Tisch zersägen will. Aber das Theaterstück in meinem Kopf weiß bereits ganz genau, welches elektrische Teil die Vorwärts- und Rückwärtsbewegung des Armes erleichtern könnte.
Ich: “Einen Stabmixer!”
Alle lachen, alle denken nämlich das gleiche wie ich, nur nicht an einen Stabmixer!
Er löst das Rätsel auf: “Was soll ich denn mit einem Stabmixer” Lauteres Gelächter. “Ich will den Tisch zersägen!”
Naja, vielleicht Situationskomik. Wir hatten’s jedenfalls sehr lustig.
Zeit zu gehen. Ab zur Garderobe. Ein Typ mit “Zigarette” im Mundwinkel und Bier in der Hand reicht mir meinen Mantel. Bin begeistert – das gibt’s auch nur dort denke ich mir. In einer Welt, in der ich so gut wie nie bin, es sehr genossen habe reingeschnuppert zu haben, es aber auch sehr liebe, wieder in meine Kleidchen-, Rosarot-, Glitzerflitter-, Makeup-, Highheels- und Tussi-Welt zurückzukehren.
Die Idee sich ein Theaterstück auszusuchen, den Preis zu verhandeln und die Schauspieler aus nächster Nähe zu erleben ist sensationell und würde mir wünschen, dass es das öfters gäbe – vielleicht in einer etwas anderen Atmosphäre (wobei bestimmt viele gerade dieses morbide lieben, die Lärmbelästigung während der Vorführungen war aber hoch und auch reguläre Toiletten wären nett gewesen).
Wer sich dieses Erlebnis auch gönnen und sich durch die Theatermenükarte kosten will, hat noch bis 31. Oktober Zeit dazu. Alle Infos gibt es auf www.mimamusch.at
Die zwei Mädls, sind die Schauspielerinnen unserer ersten Vorführung. Die Tür führt zu unserem Separee. Ja, das ist mein Ernst!
Blechmann beim Pokern und zwei Schauspielerinnen im Salon auf der Suche nach Publikum
Requisite, oder die (Er)Lösung
Warten auf die nächste Vorführung
Viele Wege führen zu Kunst
Hier geht’s zur Sache. Sieht zwielichtig aus, ist es aber nicht. In diesen Separees fanden die verschiedenen Theaterstücke statt, die man bei den Schauspielern ausgehandelt hat.
Äh – ohne Worte, oder, der Stoff aus dem Romane sind
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Sehr gelungener Artikel!
omg:-)) lebst du noch? wie geht es deiner bluse? ist die noch schneeweiß:-))?
Ich musste wegen dem Stabmixer sehr lachen!
Da hast du ja wieder was erlebt..
Ich glaube, dass diese schäbige Umgebung das ganze aber erst recht interessant macht, oder?
aber so overdressed das es schon wieder gepasst hat;D
Tolle Fotos ♥
du wurdest getagged: http://liebesrauschen.blogspot.com/2009/10/getagged.html
wenn du so in in die burg oder volksoper gehst, fällst du auch schon auf. leider. ist ein phänomen in wien sich fürs theater nicht mehr schick zu machen. obwohl ich gegen dresscodes bin, würde ich mich über mehr “feinmachen” in diesem falle freuen. the last and only experience with alternative theaterkunst?
och ich zieh mich immer fürs theater schick an, selbst fürs theater der jugend
meine oma war balletttänzerin und sängerin und hat mir eingebläut, dass man durch sein outfit den künstlern dadurch respekt zollt. ist auch das gleiche, wenn man wo eingeladen ist, da zeigt man den gastgebern dadurch auch, dass es etwas besonderes ist.
nein, wenn es sich wieder ergibt, bin ich wieder dabei. ich fands ja unglaublich interessant. als wäre ich in einem themepark oder museum oder zoo oder sowas hahaha, eben was ganz was anderes, mit dem ich sonst nicht in kontakt komme, aber nicht, weil es mir zuwider ist, sondern weil ich die leute die dorthin gehen einfach nicht kenne. habe die erfahrung gemacht, dass die nur so tolerant tun und in wirklichkeit auf menschen wie mich herabblicken und keinen kontakt haben wollen. ich aber da sehr wohl sehr offen und neugierig bin, vorausgesetzt man nimmt mich so wie ich bin.
Super geschrieben! Und so ein Besuch in diesem Theater klingt auf jedenfall sehr lohnenswert (;
Haha, sehr toll geschriebener Post. Wie ich diese “Individuellen Menschen” liebe. Ich beobachte Sie so gerne. Ich sage da immer gerne: Jetzt alle im Chor: WIr sind alle individuell! =)
Aber das Theater war bestimmt witzig. Und coole Fotos hast Du gemacht.
@leeSaa hahaha genau, du bringst es auf den punkt. finde das auch so lustig. da versuchen sie mit krampf ganz anders zu sein als alle anderen und fallen damit eh auch wieder in eine gemeinsame schublade
liebe fanfarella!
vielen dank für die blumen – ich zähle mich zum produktionsteam von mimamusch. und auch danke für den wunderbaren artikel, schön dass unser strategietheater so gut ankommt.
was den dresscode betrifft, wir sind an und für sich sehr bemüht, dass auch das publikum anders bei uns auftritt, als normal. leider ist das heuer offenbar so gar nicht der fall. die letzten jahre waren da besser, wir hatten abende, wo man gar nicht wußte, wer nun schauspieler und wer publikum ist, weil sich fast alle ganz speziell rausgeputzt haben. das macht das ganze überhaupt noch spannender, und ich hab von einer gästin erfahren, dass sie angesprochen wurde, ob sie schaupielerin ist, und sie hat sich ganz spontan auch als solche ausgegeben und eine stegreif-impro verkauft….;-)
auch nicht schlecht, oder?
und übrigens: was die behördlichen bestimmungen betrifft: es ist alles korrekt und genehmigt – war ein jahrelanger kampf….
also dann, vielleicht auf ein nächstes mal – würd uns alle sehr freuen!
küß die hand, ihre frau l.